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Die Auslese der Reisetauben
05.02.2010

Ah, das ist einfach. Diejenigen, die am meisten Spitze geflogen haben, behalte ich, der Rest kann Leine ziehen. Im nächsten Jahr gibt es andere und vielleicht bessere. Das ist natürlich nicht so einfach getan wie gesagt. Es würde auch nicht so viel darüber geschrieben werden, wenn das alles so auf der Hand läge. Die Guten kommen aus den Guten, wir behalten nur die Guten, und also züchten wir nach einiger Zeit nur Gute und Bessere.
Dieser Spruch ist unmittelbar nach der Saison und vor oder während der Mauser oft zu hören. Nach der Mauser sehen alle wieder so prächtig aus, mein Herr. Ob sie davon besser geworden sind, ist allerdings sehr die Frage. Man sollte übrigens am besten das ganze Jahr über auslesen. Die Kette ist nämlich nur so stark wie ihr schwächstes Glied, sage ich immer, und je mehr von diesen schwachen Gliedern man aussondern kann, desto stärker wird die Kette, und nur dadurch werden wir als Züchter doch besser.

Wir müssen irgendwo beginnen

Die wichtigste Grundvoraussetzung für sowohl Zucht- als auch Reisetauben ist eine natürliche Vitalität. Die sorgt nämlich dafür, dass die Tauben nicht so schnell krank werden, besser in Form kommen und zum Beispiel auch länger durchhalten, um nur etwas zu nennen. Diese natürliche Vitalität haben sie oder haben sie nicht. Daran kann man nichts, aber auch gar nichts machen. Haben sie jedoch diese natürliche Vitalität, kann man diese ganz leicht durch unsachgemäßen (lies: eigentlich übermäßigen) Gebrauch von Medikamenten kaputt machen. Sollte man wegen ein oder zwei schwächelnden Vögeln zwischen gut zwanzig eine Kur machen?

Hat man daneben...

...eine gute Saison gehabt, vereinfacht das die Sache einigermaßen. Alle Tauben sitzen auf demselben Schlag, bekommen dasselbe Futter, und der Züchter ist auch für alle derselbe. Sie fliegen unter denselben Voraussetzungen, haben also dieselben Chancen und doch gibt es in der Preisliste bemerkenswerte Unterschiede. Bei Witwern kann man im Großen und Ganzen noch von dieser Darstellung ausgehen. Bei Jungtauben, unseren zukünftigen Witwern, liegen die Dinge selbstverständlich anders. Es gibt frühreife Tiere, und es gibt solche, die etwas länger brauchen, um sich zu entwickeln.
Wir dürfen auch reinen Gewissens behaupten, dass mit Sicherheit gut 80 % dieser jungen Tauben für die Flüge vollkommen wertlos sind. Wenn man hundert Jungtauben gezüchtet und nach drei Saisons noch fünf übrig behalten konnte, hat man in dem betreffenden Jahr super gezüchtet.

Fachkönnen

Es gibt Liebhaber, die aus einem mittelmäßigen Vogel das Beste herausholen können, wodurch dieser doch ziemlich gut fliegt. Es gibt aber auch Liebhaber, die ein Spitzentier zu einem ganz normalen Mitläufer degradieren können. Jeder hat wohl so seine eigenen Methoden, doch jeder hat mehr oder weniger einen festen Anhaltspunkt, aufgrund dessen er die eine Taube behält und die andere zum Schlachter schickt. Flogen die Tauben aus dem einen oder anderen Grund einfach sauschlecht oder brachten sie überhaupt nichts zustande, sind es zwei völlig verschiedene Paar Schuhe, wie sie "gesiebt" werden müssen. Man muss dann zunächst versuchen, die Ursache für das schlechte Abschneiden herauszufinden und versuchen, dem Übel abzuhelfen. Abhängig davon, was man als mögliche Ursache herausfindet, kann man entweder die gesamte Truppe wegmachen oder doch einige behalten. Wir suchen dann nach den Tauben, von denen wir annehmen, dass sie über die nötigen Eigenschaften verfügen, um doch etwas Aussichten auf Erfolg zu haben. Züchtet man in Linie oder Familie, kann die Abstammung auch ein (mit)bestimmender Faktor sein.

Das Ziel

Die Auslese der Tauben richtet sich auch danach, was man erreichen will. Unabhängig davon, auf welcher Entfernung man spielen will, müssen die Tauben über die körperlichen Qualitäten dafür verfügen. Alles andere ist vergebliche Mühe. Man hat Tauben, die sehr zuverlässig sind, aber denen es nicht gegeben ist, Spitzenpreise zu fliegen. Man hat Tauben, die des öfteren Spitzenpreise gewinnen, aber ebenso oft auf sich warten lassen. Wenn man dann auf seine Tauben wetten will, ist das natürlich alles andere als zweckmäßig. Tauben, die immer Spitze fliegen und dabei niemals versagen, sind weiße Raben.
Gegen die Gesetze der Natur ist nur wenig, um nicht zu sagen gar nichts zu machen. Die sucht nun einmal in Bezug auf die Vererbung das Mittelmaß, und das führt dazu, dass echte Cracks nur sehr selten auf die Welt kommen. Diejenigen, die sowohl in der Zucht als auf der Reise unter dem Durchschnitt liegen, schaffen wir beiseite. Es ist unser Bestreben zu versuchen, die Dinge über den Durchschnitt anzuheben. Wir sind also mit dem Durchschnitt immer noch nicht sehr weit. Solche Tauben hat jeder auf seinem Schlag, und da der Taubensport ein Wettkampfsport ist, kommt es darauf an, nicht im Feld zu enden, sondern am besten davor oder zumindest doch vorne im Feld.

Zucht- oder Reisetaube?

Eine Reisetaube kann meinetwegen aussehen wie ein Huhn. Das macht mir alles nichts aus. Solange sie Leistung bringt, ist mir alles recht. Zuchttauben werden dagegen sehr streng selektiert. Lange Vorderarme und nicht kurz genug in den Schultern: keine Chance auf den Zuchtschlag zu kommen. Eine Ausnahme wird allerdings schon mal bei Inzuchtprodukten gemacht, aber auch dann darf es nicht extrem sein. Mit zu harten oder zu kurzen Muskeln probieren wir schon mal etwas in der Hoffnung, dass sich das kompensieren lässt, aber die Erfahrung lehrte uns doch, dass man in acht von zehn Fällen enttäuscht wird. Die betreffende Taube muss schon mit anderen wichtigen Eigenschaften glänzen.
Tatsache ist, dass es die perfekte Taube nicht gibt, und darüber hinaus können zwei Spitzentiere den größten Blindgänger in die Welt setzen, den man je gehabt hat. Fehler, die dominant vererbt werden, vermeiden wir, und ansonsten ist es wichtig, dass die Taube aus einer guten Familie stammt. Dass es Brüder und Schwestern gibt, die auch gut fliegen und/oder züchten und wenn es eben geht, gute Vererber sind. Es geht mir vor allem um das Produkt der beiden Elterntiere. Was sie in die Welt setzen, ist viel wichtiger als wie sie selbst aussehen. Um das in Erfahrung zu bringen, muss man sie natürlich erst ausprobieren, und darum halte ich viel davon, häufig umzupaaren. So erkennt man leichter die besten Vererber, man bekommt einen besseren Eindruck von der Eignung für Kreuzungen, und da wir Befürworter von Inzucht sind, erfahren wir auch noch leichter, in welchem Maße sie die vertragen. Das Wissen um diese Grenze in Verbindung mit der Eignung für Kreuzungen und die Vererbungsstärke sind Stück für Stück wichtige Dinge, die beachtet werden müssen, damit man seinen Stamm nicht auf unsicheren Fundamenten aufbaut.

Was behalten wir nun?

Junge, die gepaart waren, auf Witwerschaft flogen oder ein Nest hatten und ihre Sache nicht supergut machten, müssen das Feld räumen. Sie werden mit zunehmendem Alter selten besser. Jungtauben, die nicht gepaart waren und sich ordentlich zu behaupten wussten, bekommen eine Chance, als Jährige zu zeigen, was in ihnen steckt. Alte und jährige Tauben müssen bei neun Einsätzen sieben Preise gewonnen haben, unter denen mindestens drei Spitzenpreise sind. Ist das nicht der Fall, bekommen sie den Abschied. Allerdings bilden solche Tauben eine Ausnahme, die ziemlich eng in Familie gezogen sind und deren Phänotyp erkennen lässt, dass sie mehr Familieneigenschaften haben, als der Stammbaum auf dem Papier vermuten lässt.
In Bezug auf die Reiseleistungen kann es manchmal von Nachteil sein, relativ eng in Familie zu züchten. Man weiß niemals im Voraus, wie das Genmaterial zusammenfließt, und das kann nach einiger Zeit schon mal dazu führen, dass mehr Zucht- als Reisetauben geboren werden. Diese Männchen und Weibchen behalten wir, um sie an die Witwer bzw. die Reiseweibchen zu paaren. Sommerjunge werden gründlich antrainiert, und wer das und die Selektion in der Hand übersteht sowie gute Brüder und Schwestern hat bekommt eine Chance.

Immer auf der Suche

Dazugeholte Zuchttauben haben maximal zwei Jahre die Chance zu beweisen, was in ihnen steckt. Sie werden am Anfang nur mit ingezüchteten Tauben aus unserer Basis gepaart. Nur wenn die Jungen mindestens genauso gut oder am liebsten noch besser sind, werden sie in unseren Stamm eingebracht. Auf diese Art und Weise versuchen wir, mit ihren guten Eigenschaften, die wir bei der Anschaffung im Auge hatten, unseren eigenen Stamm zu verbessern.

Gut, besser am besten

Die Auslese ist also nicht immer einfach. Es gibt ein paar Dinge, die man berücksichtigen kann, aber es kommt vor allem darauf an, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein.
Was man selbst für gut hält, ist es für einen anderen vielleicht überhaupt nicht. Jeder Liebhaber hat wohl eine "Beste" unter dem Dach. Die Frage ist nur, wie "am besten" diese Beste eigentlich wirklich ist. So haben wir zum Beispiel das örtliche Kurzstreckenspiel, bei dem die Zahl der konkurrierenden Liebhaber und die Zahl der Tauben bedeutend niedriger liegen als auf den Nationalflügen für Jungtauben, um kurz das eine und das andere Extrem zu nennen. Je größer die Entfernungen sind, auf denen man die Tauben spielt, desto wichtiger sind auch die körperlichen Qualitäten.

Man muss von der eigenen Perspektive ausgehen, von den Flügen, auf denen man besonders glänzen will, und sich dann darüber informieren, welche Tauben dafür am besten geeignet sind. Man muss sich also nicht an Ben Johnson, Carl Lewis oder Kim Gevaert halten, wenn man erfolgreich Marathon laufen will. Und genauso muss man es halten, wenn man die kurzen Entfernungen ins Auge gefasst hat. Man macht besser eine zu viel weg als zu wenig. Die Wahrscheinlichkeit, dass man seine beste Taube um die Ecke gebracht hat, ist sehr gering. Man züchtet bald doch wieder Neue und vielleicht Bessere.
Viel Glück dazu!

 
Eddy Noël
 
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